Leseprobe "Noola und der Walmenschling"

Er wollte sie mit ihrem Manuskript fortjagen und nie wieder mit ihr zu tun haben!

Severin Roosmeer traute seinen Augen nicht, als er Mondschein vor der Tür stehen sah: Im ersten Augenblick hielt er ihre Polizeiuniform für echte Kleidung. Auf den zweiten Blick erkannte er, dass nur die schwarzen Lederstiefel und die Polizeikappe tatsächlich Kleidungsstücke waren – der Rest war aufgemalt.

Sie lachte und stolperte besoffen ins Vorzimmer, hielt sich an ihm fest. Er schob sie verärgert in die Küche, setzte sie auf den Sessel, öffnete eine Dose Blue Hippo und stellte sie vor die betrunkene junge Frau auf den Tisch. Ungeschickt stieß sie die Dose um. Das pickige Gesöff verteilte sich zuerst am Tisch, dann tropfte es auf den Küchenboden. Seine Hündin Laika kam angeschwänzelt und schlabberte es.

Mondschein roch nach Alkohol, Schweiß und Sperma, und sie lächelte zufrieden. Am haarlosen Körper überall Handabdrücke, die blaue Farbe war an vielen Stellen verwischt. Sie kicherte in Gedanken versunken.

Severin Roosmeer stieg die Zornesröte ins Gesicht. Was bildet sie sich nur ein? Er starrte sie an – aber aus anderen Gründen, als sie dachte.

„Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“

„Was fällt Ihnen ein, in diesem… Aufzug bei mir aufzutauchen! Sie ruinieren ja meinen hart erarbeiteten Ruf!“

„Beruhigen Sie sich! Ich denke, meine Gegenwart tut Ihrem Ruf ganz gut… Außerdem weiß niemand, dass ich hier bin.“ Sie rülpste undamenhaft.

„Die Nachbarn sind sehr neugierig!“

„Ihre schwulen Nachbarn waren auf derselben Party…“

Severin Roosmeer erschrak. „Haben Sie mit ihnen gesprochen?“

Sie lachte. „Nein, aber sie sind stadtbekannt! Man kann diese Tunten ja auch nur schwerlich übersehen.“

Er wusste nicht, wie er diese bizarre Situation handhaben sollte. Diese Frau musste von der Bildfläche verschwinden. Vielleicht wusste Noola Rat?

Severin Roosmeer schloss die Augen und atmete tief durch, beruhigte sich langsam: „Wischen Sie sich den Schmutz vom Körper! Kommen Sie, ich werde Ihnen jemanden vorstellen.“

Er befeuchtete ein Handtuch und gab es ihr, doch sie sah ihn nur fragend an, war sich offenbar ihres erbärmlichen Zustands nicht bewusst. Ungeduldig riss er ihr das Handtuch aus der Hand und rieb ihr die eingetrockneten, streng riechenden Flecken vom Körper. Die Körperfarbe verwischte und das Handtuch färbte sich blau.

„Kommen Sie!“

Im Wohnzimmer türmte sich links und rechts der Unrat, der sich über die Jahre angesammelt hatte, nur ein schmaler Weg führte durch den Raum. Der Gestank war intensiv und erinnerte an modrige Erde. Sie gingen zwischen Büchern, unzähligen, beschriebenen, mit rotem Kugelschreiber editierten Blättern, ausgeweideten Videokassetten und -rekordern, Kokons und Rattennestern, dann öffnete er die Tür zum Keller und schaltete das Licht ein.

„Kommen Sie, ich stelle Ihnen den Menschen vor, der die beschriebenen Episoden in der ‚Verdünnung‘ tatsächlich erlebt hat! Kommen Sie!“

Mondschein bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Einige ihrer Kommilitonen an der Universität Babel behaupteten, Severin Roosmeer hätte die kleine Sarah, die vor Kurzem in Babel verschwunden war, entführt.

Wenn man sich in dem Haus umsah, bekam man ein mulmiges Gefühl: Überall stapelten sich wertlose Gegenstände; aus dem Gerümpel hörte man Geräusche von herumhuschenden Tieren, wohl Mäuse, Ratten oder ähnliches Getier. Ein Ast wuchs durch einen Spalt des mit Brettern zugenagelten Fensters.

Hatte der Schriftsteller nach so vielen Jahren Einsamkeit den Verstand verloren und entführte junge Mädchen? Hatte er es nun auf sie abgesehen und lockte sie mit einer grotesken Geschichte in den Keller? Severin Roosmeer, der berühmte Schriftsteller, sollte Kinder entführen, Frauen im Keller festhalten und weiß-Gott-was mit ihnen anstellen? Konnte das denn wahr sein?

Zu seiner Verteidigung musste sie sich eingestehen, dass sie sich ihm aufgedrängt hatte. Er hatte sie niemals eingeladen. Sie wollte doch etwas von ihm, nämlich seine Meinung zu ihrem Manuskript, an dem sie seit Monaten arbeitete.

Tatsächlich wusste niemand, dass sie sich im Haus des Schriftstellers befand. Nicht einmal Regenbogen, ihre Schwester. Würde sie ganz plötzlich verschwinden, so wie erst kürzlich die kleine Sarah, wie angeblich vor Jahren Roosmeers Gefährtin? Nach ihr, Mondschein, würde vorerst niemand suchen. Regenbogen befand sich am anderen Ende der Welt.

Die Kellertür stand weit offen: ein muffiger, dunkler Rachen.

Geraschel im endlosen Sammelsurium der übelriechenden Müllhalde, die den Wohnbereich beherrschte. Eine Großvateruhr tickte laut – es war kurz vor zwanzig Uhr. Sollte sie umkehren, um ihr Leben laufen? Wenn sie starb, was würde aus ihrem mikroskopisch kleinen Schwarzen Loch im Kopf? Erlosch es mit ihr? Oder würde es destabilisieren und ungeahnte Kräfte entwickeln?

„Kommen Sie? Sie müssen nicht, wenn Sie nicht wollen. Sie können sich auch verabschieden. Da liegt Ihr Manuskript! Wenn Sie aber Rat suchen, dann empfehle ich Ihnen, Noola zu treffen.

Mondschein fröstelte, es zog kalt vom Keller herauf. Langsam näherte sie sich dem offenen Maul des Kellers. Sie stieg zaghaft auf die erste Stufe, dann drehte sie sich zu Severin Roosmeer um. Wird er mich die Treppe hinunterstoßen? Der Gedanke daran ließ ihre Knie schlottern.

Severin Roosmeer wartete noch ein wenig, dann stieg auch er auf die Treppe.

„Worauf warten Sie? Gehen Sie schon! Die klimatischen Verhältnisse sind perfekt, wie in der Gruft einer gotischen Kirche.“

Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach, und stieg vorsichtig die Treppen hinunter.

Plötzlich krachte sie durch eines der morschen Holzbretter. Sie suchte nach Halt, aber da war nichts, woran sie sich festklammern konnte: sie verlor das Gleichgewicht und fiel. Severin Roosmeer hielt sie fest, doch sie zappelte so sehr mit ihren Armen, dass sie ihm wieder entglitt. Donnernd stürzte sie die Holztreppe hinunter, prallte ungebremst wie ein Sack voller Knochen gegen die Wand, kullerte bewusstlos die letzten paar Stufen hinunter und landete regungslos am Steinboden.

In dem kurzen Augenblick ihres Ablebens öffneten sich die Kokons im Wohnzimmer. Zwischen all dem Gerümpel schlüpften prächtige Schmetterlinge, die in dem lauen Lüftchen zu tanzen begannen, das durch die engen Spalten zwischen den Balken am Fenster flüsterte.

Severin Roosmeer stand erschrocken am oberen Ende der Treppe und blickte auf den leblosen Körper hinab. So nahm das Unheil unaufhaltsam seinen Lauf.

„Was soll ich jetzt tun, Noola?“

Die Großvateruhr schlug acht.

 

Was wusste man über Severin Roosmeer?

Die Gerüchteküche war grausam und unbarmherzig, geschmacklose Lügen wurden seit Jahren über ihn aufgetischt. Die Gründe dafür waren vielfältig, im Wesentlichen beruhten sie auf einer tiefen, persönlichen Abneigung.

War es sein Erfolg als Schriftsteller? War es sein widerlicher Messiecharakter, der um sein Haus und überall, wo er länger verweilte, einen fiesen Geruch verbreitete? War es seine eigenartige Art, sich zu kleiden, die ihm sein Meister beigebracht hatte? War es seine direkte, raue Umgangsweise? Die Tatsache, dass er vor Jahren mit einer Schwarzen zusammengelebt hatte? Die Gerüchte waren so derb, man will sie an dieser Stelle nicht wiederholen.

Wenn Severin Roosmeer auch nur im Entferntesten geahnt hätte, was ihn erwartete, er wäre zu seiner Mutterblume in den Wald gelaufen und zurück in ihren Blütenkelch gekrochen. Wenn er zumindest nicht den Büchertempel aufgesucht hätte, das Unabwendbare hätte vielleicht ein paar Generationen auf sich warten lassen, hätte vielleicht einen anderen Planeten getroffen. Vielleicht.